Unsere heutige Etappe begann mit einem Besuch von Smoo Cave, einer teilweise überfluteten, von der See ausgespülten Höhle an der Steilküste von Durness, direkt gegenüber von unserem "Hillside B&B". Von der darüberliegenden Oberfläche aus ergießt sich ein spektakulärer unterirdischer Wasserfall in den Höhlensee. Die Höhle existiert schon tausende von Jahren und ist in diesem Zeitraum offensichtlich immer wieder von Menschen bewohnt gewesen. Festgestellt worden ist das anhand von Werkzeugen und Abfällen, die in den verschiedenen Schichten des Höhlenbodens aufgefunden wurden. Auch in der Neuzeit wurde die Höhle bis ins 19. Jahrhundert als Fischereistützpunkt verwendet.
Auch die Wikinger haben es seinerzeit bis hierher geschafft und in
der Höhle Reste von Bootsbauwerkzeugen hinterlassen. Tatsächlich standen
Teile des nordschottischen Festlandes sowie die Hebriden und die
Orkney- und Shetlandinseln über hunderte von Jahren unter norwegischer
Herrschaft, die erst im 15. Jahrhundert mit der vollständigen Übergabe
an Schottland endete.
Später benutzten die Clanchefs der
in der Gegend herrschenden Clans die Höhle zum "Verschwinden" von
politischen Gegnern. Von einem Vollstrecker des Clans MacKay wird
berichtet, daß er insgesamt 19 unbequeme Personen umbrachte und in den
Wasserfall warf. Damals glaubten die Anwohner nämlich, der Teufel wohne
in der Höhle, weswegen die Leichen dauerhaft unbemerkt blieben und nie
gefunden wurden.
Wir neuzeitlichen Wikinger durften uns jedenfalls von
dem bärtigen, grummelnden Hobbyarchäologen Colin mit einem Schlauchboot
durch die Tropfsteinhöhle kutschieren lassen. Nachdem wir uns durch
gezeigtes Interesse würdig erwiesen hatten, taute Colin etwas auf und
erklärte in einem bunten Mischmasch aus Englisch und Deutsch, daß hinter
dem kleinen erforschten Teil eine unabsehbar große weitere Höhle läge,
die leider wegen mangelndem "funding" derzeit nicht erforscht werden
kann, und daß darin vermutlich überaus interessante vorgeschichtliche
Funde zu erwarten seien.
Nachdem wir wieder das Tageslicht erreicht hatten, brachen wir zum landschaftlichen Höhepunkt unserer Reise auf: die Küstenstraße entlang der schottischen Nordwestküste. Und tatsächlich jagte hier ein atemberaubender Anblick den nächsten... wilde Steilküsten, tief eingeschnittene Fjorde, vorspringende Halbinseln und Kaps, vorgelagerte Inseln, versteckte Buchten mit paradiesischen Sandstränden am tiefblauen Atlantik, und im Hintergrund immer die rauhen Gipfel und Hochebenen der Northern Highlands.
Gelegentlich machte die Route den einen oder anderen Abstecher ins Inland, wo unser kleiner Astra in haarsträubenden Serpentinen und Steigungen bis 17% einen Bergrücken nach dem anderen erklettern mußte. Die Talbrücke über den Loch a' Chairn Bhain hatte es uns besonders angetan.
Das wurde dann nochmal besonders abenteuerlich, als wir uns entschieden,
die zeitweise ins Inland führende Hauptstrecke zu verlassen und uns für 30 km über kleine "single
file roads" direkt an die Küste zu verdrücken. Die Begegnung mit einem schaukelnden Caravan, der uns unversehens in einer scharfen Kurve hinter einer Felswand entgegen kam, werden wir wohl nicht so schnell vergessen
Der Lohn der Mühe waren dafür einige tolle Ausblicke über die Fjord- und Insellandschaft und die Pause in dem verwunschenen kleinen Dörfchen Drumbeg...
... wo wir nähere Bekanntschaft mit einem Verkehrsteilnehmer machen durften, der in den Highlands buchstäblich allgegenwärtig ist und dem Autofahrer auf wirklich jeder Strecke entgegenkommt. Die Fahrerin kam aus dem Quietschen und Anhimmeln kaum noch heraus...
Ich denke, ich werde sicherheitshalber vor dem Abflug nochmal ihr
Handgepäck auf blinde Passagiere überprüfen. Die kleinen Viecher sind
aber wirklich goldig und haben anscheinen den ganzen Tag nur Unsinn im
Kopf.
Der Rückweg zur Hauptstrecke führte uns an den Ufern des Loch Assynt entlang, wo wir auf einer Halbinsel ganz überraschend unser erstes "richtiges" schottisches Castle entdeckten. Das Schild teilte uns mit, daß es sich dabei um Ardvreck Castle handelte. Später fanden wir heraus, daß die verfallene Ruine um 1590 als Stützpunkt des in der Gegend herrschenden Clans MacLeod erbaut wurde. Natürlich gibt es auch (landestypisch) nicht nur einen, sondern gleich zwei Geister, die in der Ruine spuken sollen. Bei unserem Besuch hatten die übernatürlichen Wesen allerdings anscheinend gerade Betriebsferien - nicht mal ein einziger kleiner Seufzer oder kalter Windhauch.
Nachmittags erreichten wir die Hafenstadt Ullapool am Ufer des Loch Broom (der trotz seines Namens kein See, sondern ein Meeresarm ist).
Ullapool ist ein kleiner netter Fischereihafen mit einer kleinen
Fangflotte, einem Fähranleger und einer gemütlichen Hafenpromenade mit
überteuerten "gift shops". Was solls, Urlaub ist Urlaub...
Um etliche massenproduzierte Schottland-Devotionalien reicher kamen wir gegen halb sieben an unserem Etappenziel Gairloch an. Gairloch ist ein Zusammenschluß einiger winzigkleiner Gemeinden, die sich an der Uferstraße entlang der Gairloch Bay erstrecken. Unsere Wirtin Corinne vom "Auld Alliance B&B" wies uns in die örtliche Gastronomie ein, und wir beschlossen den Tag schnellstmöglich im "Old Inn" am Hafen bei Bier und Pub-Futter.
Der Rückweg beschenkte uns mit einem wunderbaren Sonnenuntergang. Die Isle of Skye mit ihren Bergmassiven ist von hier aus schon deutlich sichtbar und lag am Horizont im Abenddunst wie ein großes Schiff.
Schön ist es auch hier wieder. Irgendwie schade, wir entdecken auf dieser Reise am laufenden Band zauberhafte Ecken, und trotzdem gehts nach ein, zwei Tagen gleich wieder weiter. Andererseits ist das unser erster Schottland-Besuch... und nach den Erlebnissen der letzten Tage ist der nächste schon fest eingeplant. Ich habe allen Ernstes noch nie einen Ort erlebt, der von so faszinierend rauher Schönheit war wie der schottische Nordwesten. Ich glaube, das ist der erste Schritt in die Abhängigkeit.
Ach ja, und den Whisky gibts hier ja auch noch...
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