Das Wetter kippte heute morgen endgültig... schon beim Auslaufen aus dem Stadthafen nieselte es, und kaum hatten wir die Segel gesetzt, fing es richtig an zu regnen. Die Flensburger Förde, die bei schönem Wetter vor weißen und bunten Segeln nur so wimmelt, präsentierte sich heute als in tiefhängende Regenwolken und Dunstschwaden gehüllter Fjord ins Nirgendwo. An den Kanten der Steilufer hingen Nebelfetzen und gaben der Landschaft ein geheimnisvoll-unheilschwangeres Aussehen.
Bei leichtem Wind um 2 Windstärken aus Ost segelten wir zusammen mit einigen anderen Charteryachten, die auch einen Rückgabetermin einzuhalten hatten. Als wir die "Schwiegermutter" rundeten, hörte der Regen auf und wir liefen bei ruhigem Wetter in den Hafen Sonwik ein, bunkerten Diesel und legten unser Boot ein letztes Mal am Steg an. Nach einer Woche waren wir als Crew mittlerweile ganz gut aufeinander eingespielt und hatten uns ein gewisses Vertrauen in unsere Anlegemanöver erarbeitet.
Wir teilten die (wie üblich zu reichlich eingekauften) verbliebenen Lebensmittelvorräte unter uns auf, räumten unsere gepackten Taschen und Seesäcke von Bord, wickelten die Bootsübergabe ab - und das wars... unser Törn war endgültig vorüber. Ein schnelles Erinnerungscrewfoto im Cockpit, eine paar Abschiedsumarmungen an der Pier, die Verabredung zum fälligen Fotoshow-Nachtreffen-Captain's-Dinner, und dann strebte jeder schnell seinem Auto zu, um die Ferienanfangsrallye einigermaßen schnell zu bewältigen.
Die dänischen Sommerferien begannen gerade an diesem Wochenende, einige deutsche Bundesländer hatten schon Ferien, und so war die A7 Schauplatz einer gewaltigen Völkerwanderung von urlaubsreifen Familien, die das jeweilige Nachbarland heimsuchten. Als wir im Verkehrsfunk die frohe Kunde von 14 Kilometern Stau vor dem Elbtunnel hörten, beschlossen wir kurzerhand, uns den Streß zu sparen und die Autobahn zu verlassen.
Einige friedliche und wenig befahrene Landstraßen führten uns zur Elbfähre Glückstadt - Wischhafen. Die dortige Wartezeit wurde uns durch die Schafe auf dem Elbdeich, die Austernfischer unten am Strand und die großen Containerfrachter draußen auf der Elbe verkürzt, während sich sämtliche Pforten des Himmels öffneten und eine wahre Sintflut auf unser Auto niederging.
Wir genossen ein weiteres Mal salzige Luft und Seegang und waren uns einig, daß diese Art des Reisens bestimmt besser ist als im Stau zwischen Beton und Leitplanken zu stehen - Zeitersparnis hin oder her. Auf der niedersächsischen Seite ging es weiter über Land in Richtung Bremerhaven. Die Sonne kam wieder durch und bescherte uns einige atemberaubende Anblicke, als sie durch den Regen und Nebel hindurch die Wiesen der Elbmarsch in warmes Licht hüllte.
Unsere Fahrt durch den grünen, friedlichen Landkreis Cuxhaven führte uns in schneller Folge an den Ortschaften Fickmühlen, Drangstedt und Hymendorf vorbei, was Bianca zu dem Kommentar "Das machen die doch jetzt absichtlich, oder?" veranlaßte. Was immer die Ureinwohner dieses Landstrich dazu veranlaßt haben mag, ihren Siedlungen derart unterleibsbezogene Namen zu geben, blieb uns jedenfalls verborgen.
Um halb elf abends kamen wir zuhause an, schleiften unser umfangreiches Gepäck die Treppe hinaus in den dritten Stock und kollabierten (allen guten Vorsätzen zum Trotz) bei Pizza und kaltem Bier auf dem Balkon.
Ich hatte diesem Törn mit viel Spannung, aber auch etlichen Befürchtungen entgegengesehen. Insbesondere die Herausforderung, ein so großes und windanfälliges Boot in engen Häfen schadensfrei zu manövrieren, war für mich schon im Vorfeld zu einer Art fixen Idee geworden und hatte mir einen Heidenrespekt eingeflößt. Und eigentlich hatte ich auch vorgehabt, noch den einen oder anderen Törn anderswo mitzusegeln, bevor ich darangehen wollte, selbst als verantwortlicher Skipper eine Yacht zu chartern.
Tatsächlich klappte aber fast alles erstaunlich gut und vollkommen unfallfrei. So gut, daß ich im Nachhinein feststellen mußte, daß meine Befürchtungen überwiegend unbegründet gewesen waren - aber auch, daß das Training, daß ich in der Vorbereitungsphase dieses Törns investiert hatte, sich mehr als ausgezahlt hatte.
Wir haben uns als Crew aufeinander eingespielt (so weit eine Hobbycrew im Rahmen eines einwöchigen Chartertörns das eben kann) und haben neben erfolgreicher Segelei auch eine Menge Spaß gehabt, faszinierende und atmosphärische Inseln und Häfen kennengelernt, uns gegenseitig kennengelernt, wie man das nur an Bord erlebt, und insgesamt einen tollen Urlaub verbracht. Und ich werde mit dieser Besatzung jederzeit gerne wieder in See stechen...
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