Nachdem wir kurz Kriegsrat gehalten und uns überlegt hatten, wie wir am besten bei dem starken Seitenwind aus der Box kommen, stellten wir fest, daß sich bislang keine der anderen Besatzungen aus dem Hafen getraut hatte, sondern alles in gespannter Erwartung des sicheren Desasters auf uns blickte. Unglücklicherweise klappte unsere Idee aber ganz ausgezeichnet, und so hangelten wir uns problemfrei mit einer improvisierten Mittelspring aus der Box, ohne uns durch Sachschäden oder sonstige Blamagen hervorzutun. Mit geschwellter Brust und stolz wie Oskar dieselten wir aus dem Hafen und ließen etliche um ihr Hafenkino betrogene Zuschauer hinter uns zurück.
Draußen setzten wir die Segel und segelten auf Raumschotskurs auf den Kleinen Belt hinaus. Nachdem wir den offenen Belt erreicht und die Windabdeckung von Fünen verlassen hatten, legten der Wind und Seegang ordentlich zu. Der Nordost pustete uns mit fünf bis sechs Windstärken um die Ohren, und ich war froh darüber, daß wir sofort das erste Reff eingebunden hatten. Wir flogen mit acht bis neun Knoten nach Westen, und beim Abwärtssurfen auf der Wellenrückseite zeigte die Logge einige Male Spitzengeschwindigkeiten von über zehn Knoten an.
Regenwolken zogen durch und wir konnten einige Male sehen, wie auf Als und am Festland schwere Regenfälle niedergingen, aber wir blieben während der ganzen Zeit trocken. Wieder ließen sich einige Schweinswale in der Nähe unseres Bootes sehen, und ich entdeckte etliche nordische Seevögel, die ich bislang nur aus Büchern und Fernsehen kannte. Als wir uns Barsø näherten, beobachteten wir einen Hubschrauber der dänischen Marine, der in dem vorgelagerten Übungsgelände fleißig und ausdauernd Froschmänner, Sonarbojen oder sonstige militärische Spielzeuge absetzte und wieder aufsammelte.
Im Vorbeifahren erhaschte ich auf Als einen Blick auf unsere Ferienhaussiedlung von vor zwei Wochen bei Nordborg. Nachdem wir Barsø passiert hatten und in die Genner Bugt eingelaufen waren, nahm der Seegang schlagartig ab, und auch unsere dienstjüngste Seglerin, die einige Stunden lang mit der Seekrankheit kämpfen mußte, schaute wieder fröhlich aus der Wäsche. Nach vier Stunden und fast dreißig Seemeilen machten wir im hintersten Winkel der Bucht in dem idyllischen kleinen Yachthafen von Kalvø fest, genau an dem Liegeplatz, an dem wir schon letztes Jahr gelegen hatten.
Wie gewohnt ließen wir uns sofort nach dem Anlegen im Cockpit nieder, um uns bei Bier und Brownies die (inzwischen wieder erschienene) Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Dieses Mal bekamen wir jedoch ziemlich schnell Gesellschaft, die auch gleich eine gewisse Zuneigung zu unseren Browniekrümeln entwickelte...
Später unternahmen wir einen kleinen Spaziergang rund um die Insel. "Klein" darf man dabei ruhig wörtlich nehmen, Kalvø ist nämlich nicht einmal einen halben Quadratkilometer groß.
Mit Ausnahme von Philipp kannten wir die Insel zwar alle schon vom letzten Törn, jedoch gab es auch für uns etwas Neues zu entdecken. Im letzten Sommer war uns ein halbfertiges Wikinger-Langboot aufgefallen, das auf einem Grundstück direkt neben dem Hafen mittels traditioneller Bootsbaumethoden rekonstruiert wurde. Als wir heute die Rückseite der Insel erreichten, sahen wir ebendieses Langboot tatsächlich in dem versteckten kleinen Fjord hinter Kalvø zwischen den schilfbewachsenen Ufern vor Anker liegen.
Es war ein wunderbarer Blick in die Vergangenheit dieser Landschaft. Für einen Moment fühlten wir uns wirklich 1200 Jahre in der Geschichte zurückversetzt in eine Zeit, in der tollkühne Seefahrer, Plünderer und Händler aus Skandinavien ganz Westeuropa mit ihren Drachenschiffen in Angst und Schrecken versetzten, Handel von Grönland bis nach Byzanz trieben und Königreiche von Schottland bis Rußland gründeten.
Kaum an Bord zurück, wurde die Pantry wieder einmal Schauplatz einer gehörigen Talententfaltung... zum Abendessen wurde uns Pasta mit Tomaten-Thunfisch-Olivensoße kredenzt. Ich glaube, es ist unmöglich, mit dieser Crew segeln zu gehen, ohne in einer einzigen Woche etliche Pfund zuzunehmen.


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