Nachdem wir es leider nicht geschafft hatten, für den heutigen Tag ein Segelboot zu mieten, entschlossen wir uns, noch eine kleine Wandertour ins "Lost Valley", einem kleinen Seitental des Glen Coe, zu machen. Zehn Autominuten von unserem "Scorrybreac Guesthouse" entfernt stellten wir unseren Mietwagen ab und begannen den Aufstieg.
Zuerst führte der Weg durch dichten Birkenwald entlang eines kleinen Wildbachs an gartenhausgroßen Felsbrocken vorbei aufwärts.
Nach einer Dreiviertelstunde Aufstieg öffnete sich dann das eigentliche "Lost Valley". An dieser Stelle weitet sich die steile, zugewachsene Schlucht zu einem weiten, flachen Hochtal, das von unten praktisch nicht einsehbar ist und das man nur findet, wenn man weiß, wo es ist.
Heute steht es natürlich in allen Reiseführern, aber in den alten Zeiten dürfte es ein überlebenswichtiges Geheimnis der Clans gewesen sein. Der in der Gegend ansässige Clan Macdonald of Glen Coe nutzte damals angeblich das versteckte Tal, um dort gestohlenes Vieh (und andere Sachen mit fragwürdigen Eigentumsverhältnissen) zu verstecken. Anscheinend waren Viehdiebstahl, Plündereien und Überfälle seinerzeit unter den Hochlandbewohnern eine Art Volkssport.
Aber das "Lost Valley" hatte an einem bestimmten Punkt in der der Geschichte Schottlands auch eine viel düsterere Bedeutung. Im Jahr 1692 forderte der neue protestantische König William III. von England und Schottland die aufsässigen Highland-Clans (die überwiegend die abgesetzte katholische Dynastie der Stuarts unterstützten) dazu auf, ihm einen Treueeid zu schwören. Der Chief der Macdonalds kam zu dem Termin zu spät und die britische Regierung beschloß, ein Exempel zu statuieren. Eine Milizeinheit des regierungstreuen Clan Campbell quartierte sich unter dem Deckmantel der Steuererhebung bei den Macdonalds ein, und begann nach zwölf Tagen genossener Gastfreundschaft eines Nachts damit, alle Bewohner des Dorfes unter 70 Jahren im Schlaf zu ermorden. Ein Großteil der Macdonalds kam bei dem Anschlag oder bei ihrem Fluchtversuch im bitterkalten Winter ums Leben, und die Überlebenden versteckten sich im "Lost Valley". Noch heute wird dem Massenmord jedes Jahr durch die Nachkommen des Clan Macdonald gedacht, und im Dorf Glencoe erinnert eine von ihnen errichtete Gedenksäule an die Nacht, die als "Massaker von Glen Coe" in die schottische Geschichte eingegangen ist.
Heute war von der düsteren Geschichte dieses Ortes allerdings nichts zu bemerken... wir hatten wieder mal schönsten Sonnenschein und entschlossen uns, weiter bis zum oberen Rand des Tals zu marschieren. Nach etwa 800 Metern verengt sich das Tal wieder. Der Bach hat eine tiefe Schlucht in den Fels gefressen, und die Wände des Tals rücken zunehmend mehr zusammen und werden immer steiler. Der Pfad wurde hier immer öfter zu einer kaum sichtbaren Linie in steilen Geröllhalden, die wir auf Händen und Füßen bergauf krabbelnd überquerten.
Schließlich führte die Route kurz unterhalb des Kammes der Lost Valley Buttress noch einige Meter durch einen engen Hohlweg, der nur zu bewältigen war, indem wir uns mit Armen und Beinen in den Seitenwänden verkeilten und uns Stück für Stück nach oben schoben. Dafür wurden wir anschließend mit einem grandiosen Blick über das komplette Tal und die angrenzenden Bergmassive belohnt.
Kurz entschlossen entschieden wir uns, nicht zurückzugehen, sondern nun doch den ganzen Rundwanderweg mit einer Länge von 13 km abzulaufen. Die Hälfte hatten wir nach unserer Kletterpartie ohnehin schon, und die gleiche Strecke zurück hätte die Entfernung auch nicht mehr verringert.
Der Weg schwenkte nun nach Westen und führte über den Bidean nam Bian (1150 m) und Stob Coire nan Lochan (1115 m) auf die südwestliche Seite des Tals, um dann anschließend in das westlich gelegene Nachbartal Coire nan Lochan hinabzuführen.
Die Route über die Kämme und Gipfel südlich des Lost Valley war ein
einziges gigantisches Gebirgspanorama mit umwerfenden Ausblicken, die
westlich bis zur Mündung des Loch Linnhe in den Atlantik und nördlich
bis zum Ben Nevis reichten.
Ein Rabenpärchen begleitete unsere Gipfeltour mit fortwährendem
Krächzen, das von den Steilwänden der Corries und Tälern widerhallte und
dem Ort trotz des schönen Wetters eine mystische Stimmung verlieh. Wir
fühlten uns wie auf dem Dach Schottlands. Es ist eine sehr erhebende
Erfahrung, auf einem wenige Meter breiten Gebirgskamm entlangzulaufen,
wo es an beiden Seiten Hunderte von Metern in die Tiefe geht und die
Erde buchstäblich zurückweicht, um sich erst weit weg in entfernden
Talgründen wiederzufinden.
Nichtsdestotrotz bedeutet jeder kräftezehrende Aufstieg auch einen nicht minder anstrengenden (und nicht unbedingt knieschonenden) Abstieg. Nach dem Gipfel des Stob Coire nan Lochan verlief sich der abwärts führende Pfad in endlos scheinenden Feldern aus Geröll und Felsbrocken, und so liefen wir etliche Kilometer nur nach GPS, Kompaß und Karte an wegelosen Hängen entlang. Unterwegs begegneten uns einige Niederländer, die in umgekehrter Richtung ebenfalls auf der Suche nach dem Trail waren. Sie hatten anscheinend auf einer Konferenz spontan beschlossen, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, jedenfalls waren sie ohne Karte, dafür aber mit Sakko, Hemd und Krawatte unterwegs. Ein furchtloses Völkchen, unsere westlichen Nachbarn...
Etliche hundert Meter tiefer fanden wir auf einer weiten Bergwiese schließlich unseren ausgetretenen Trail wieder und folgten ihm planmäßig abwärts entlang der nordwestlichen Flanke des Geàrr Aonach, bis wir nach insgesamt neun Stunden und etlichen Höhenmetern (nach unserer Wegbeschreibung von Walkhighlands.com in summa 1350 m) ziemlich geplättet wieder am Parkplatz ankamen.
Der Lohn der Mühe: ein einmaliges Naturerlebnis im normalerweise verregneten und nebligen Schottland, viele tolle Fotos, ziemlich müde Beine, einen fetten Sonnenbrand, und schlußendlich ein deftiges Essen (mit Biancas neuem Lieblingsgericht, dem vegetarischen Haggis) und einen Verdauungswhisky im "Clachaig Inn". Was für ein gelungener Tag...
Hey!
AntwortenLöschenAch bin ich neidisch! Tolle Landschaft!
Aber danke auch für den Hinweis auf den vegetarischen Haggis. Was ist das? Ich hatte mir schon die ganze Zeit Sorgen gemacht, ob Bibi genug zu Essen findet. Sonst ist die schottische Küche recht fleischlastig oder?
LG
Henriette
Hey,
AntwortenLöschenvegetarisches Haggis ist der Hammer! Statt Schafsinnereien werden Nüsse, rote Bohnen, Zwiebeln, Grünkern und weitere Zutaten scharf angebraten und gewürzt. Dazu gibt es traditionell Neeps and tatties (also Kartoffelbrei und ein Brei aus Steckrüben) und eine Rotweinsoße. Klingt etwas komisch, aber schmeckt echt super! Ansonsten hat mich Schottland wirklich überrascht. Es gibt wohl recht viele Vegetarier dort und in jedem Restaurant und in jedem Pub gab es vegetarische Gerichte, die auch explizit als solche gekennzeichnet wurden! Auch im Supermarkt wurden sandwiches als "suitable for vegetarians" gekennzeichnet, aber nur dann, wenn der Käse mit mikrobiellem Lab erzeugt wurde. Fand ich toll!
Allerdings hat mich am ersten Tag die Beilage zu meinem Nudeln-Sahne-Käse Essen überrascht. Es gab eine großzügige Portion Pommes!