Eigentlich hatten wir geplant, heute endlich mal "Thor" seiner Bestimmung zuzuführen und das erste Mal segeln zu gehen. Als wir uns dann allerdings morgens um zehn aus den Federn quälten (Alex' und Shantis Hauseinweihungsparty vom gestrigen Abend noch spürbar in den Knochen), holte uns leider unsere hundsmiserable Zeitplanung ein und erinnerte uns daran, daß wir mit ungepackten Siebensachen keine wirkliche Chance hatten, noch rechtzeitig vor Hochwasser am Hafen zu sein.
Tja, Segeln im Tidenrevier... die Unterweser ändert ihre Fließrichtung alle sechs Stunden mit Ebbe und Flut, und da es nicht wirklich ersprießlich ist, gegen drei Knoten Strom anzusegeln, sind wir gezwungen, unseren Zeitplan an den Rhythmus der Gezeiten anzupassen.
Als wir dann am Hafen ankamen, stellten wir allerdings fest, daß unsere Schlafmützigkeit im Grunde nichts geändert hatte, denn der Wind wehte mit satten fünf Windstärken (und gelegentlichen Böen in sechs) aus Südwest und produzierte zusammen mit dem entgegengesetzt verlaufenden Flutstrom eine unangenehme Welle, so daß wir uns kurzerhand entschlossen, unsere erste Segelrunde mit dem neuen, noch unbekannten Boot auf ein etwas ruhigeres Wetter zu verschieben.
Stattdessen entschieden wir uns für eine kleine Gewöhnungsrunde unter Motor nach nebenan in den Handelshafen. Der kleine 6-PS-Zweitakter von Yamaha sprang beim ersten Zug am Starter an, und nachdem er ein paar Minuten fröhlich im Leerlauf vor sich hingeknattert hatte, sprachen wir ihm unser Vertrauen aus und brummten los.
Inzwischen hatten wir Hochwasser, die Strömung war fast zum Erliegen gekommen und das Wasser hatte sich etwas beruhigt, so daß wir die Nase (oder vielmehr den Bug) hinaus ins Weserfahrwasser steckten. Neben einer Vielzahl von Sportbooten, die das trockene Wetter nutzten, begegneten uns auch zwei große Schlepper, die mit hoher Geschwindigkeit flußaufwärts liefen und uns mit ihrer monströsen Heckwelle bedachten.
Ich fand es lustig, unser Radarreflektor leider weniger... der löste sich nämlich aus seiner Befestigung im Masttopp und sauste am Achterstag abwärts. Nun ja, ein Punkt mehr auf der Arbeitsliste fürs Winterlager.
Zurück im Vorhafen probierte Bianca noch kurz die Rückwärtsfahrteigenschaften unseres Bootes aus... mit dem Ergebnis, daß es plötzlich nur noch rechtsherum fuhr und den Versuch unternahm, sich im Schilfgürtel zu verkriechen. Nach kurzer Panikattacke offenbarte ein Blick in den Motorschacht, daß der Außenborder sich bei Vollgas rückwärts und harter Ruderlage in seltsamer Schräglage verkantet und damit sämtliche Kurbelei an der Pinne zunichte gemacht hatte. Ein kräftiger Nasenstüber überzeugte ihn wieder davon, brav geradeaus zu fahren.
Da wir noch eine Bootsgeneralreinigung vor uns hatten, brummten wir wieder in den Yachthafen... und gerade als ich "Thor" mit langsamer Fahrt in die Box rutschen ließ und in den Leerlauf schaltete, entschied der eigensinnige Yamaha, daß nun endgültig Zeit für seine gewerkschaftlich garantierte Mittagspause war. Ich zerrte verbissen und vergeblich am Starter, Bianca hüpfte an Land und verhinderte mit massivem Körpereinsatz gerade noch eine unsanfte Begegnung mit der Stegkante, und "Thor" ließ sich vom Seitenwind gemütlich in die (glücklicherweise leere) Nachbarbox treiben.
Unser Stegnachbar Detlev kam herübergeschlendert, half uns beim Verholen an unseren angestammten Liegeplatz und orakelte, daß der streikende Zweitakter womöglich an seinen eigenen Abgasen erstickt sei. Vielleicht ist es aber auch (wie unser "Bordingenieur ehrenhalber" Christian vermutete) zuwenig Standgas im Leerlauf. Wie auch immer, wir haben da jedenfalls noch etwas Bastelpotential. Er sprang zwar nach einer kleinen Atempause anstandslos wieder an, aber bevor wir damit auf große Fahrt gehen, ist erstmal etwas Ursachenforschung angebracht.
Der restliche Nachmittag ging dann für eine ausgiebige Putz- und Aufräumorgie drauf. Der gesammelten Dreck einer Wintersaison im Freien fiel unserer chemischen Keule zum Opfer...
... und die Teakholzgrätings, die Bianca in abendfüllender Fleißarbeit abgeschliffen und mit Öl behandelt hatte, kamen wieder an ihren Platz in der Plicht und verbreiten nun ein Stück maritime Gemütlichkeit.
Jetzt sieht "Thor" schon ziemlich präsentabel aus und wir schimpfen auf unsere beiden Arbeitgeber, die uns aus purer Boshaftigkeit erst nächste Woche wieder Zeit für die nächste Testfahrt lassen.
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