Wir verließen den fast leeren Hafen eine knappe Stunde später als geplant, passierten wieder das Huntesperrwerk und setzten Segel unter einem grauen Herbsthimmel. Es war trocken, aber mit acht Grad alles andere als gemütlich. Der Wind kam aus Südost und zwang uns dazu, direkt gegenan zu kreuzen. Böen bis fünf Windstärken bewogen uns auch dieses Mal wieder dazu, ein Reff im Großsegel zu fahren.
Keine zwei Stunden später war klar, daß wir kreuzenderweise unser Ziel nicht rechtzeitig erreichen würden, bevor die Tide kentern und der Ebbstrom uns weiter verlangsamen würde. Also bargen wir schweren Herzens vor Rönnebeck ein letztes Mal die Segel und motorten mit Vollgas weiter stromaufwärts. Es fing an zu regnen, und etliche Ozeanriesen, die neben unserem kleinen Segler gigantisch groß erschienen, überholten uns und bedachten uns vorsichtshalber mit ohrenbetäubenden Hupsignalen.
Wir passierten Vegesack, wo Peer uns aus seinem Bürofenster in der Werft zuwinkte (vor deren Hallen und Docks gigantische Luxusyachten lagen, die vermutlich irgendwelchen nahöstlichen Ölscheichs und russischen Oligarchen gehörten), und langsam kroch die Kälte durch unser Ölzeug. Die Crew wurde merklich wortkarger, woran auch das freigebige Verteilen von Gummibärchen nicht viel änderte.
Als wir in strömendem Regen auf Höhe von Hasenbüren feststellten, daß der Treibstoff für unseren Außenborder langsam knapp wurde, entschlossen wir uns kurzerhand, schon in Hasenbüren einzulaufen. Henriette beorderte Torben, der gerade auf dem Heimweg von der Arbeit war, per Handy zum Hafen, um bei der nächsten Tankstelle Benzin für uns zu bunkern.
Während die Mädels in Richtung Tanke verschwanden, machten Torben, Geert und ich uns daran, die Segel abzuschlagen und den Mast zu legen, da die Brücken im Bremer Stadtgebiet, die wir noch passieren mußten, eine zu geringe Durchfahrtshöhe besaßen. Nachdem wir uns eine Saison lang recht ausgiebig mit dem Rigg auseinandergesetzt hatten, klappte das Mastlegen auf Anhieb ohne große Probleme, obwohl Deck und Steg regennaß und rutschig waren.
Inzwischen hatte Geert empirisch bewiesen, daß eine leichte Windjacke keine adäquate Bekleidung für Segeln bei andauerndem Regenwetter ist und war bis auf die Knochen naßgeregnet. Da wir nun nur noch einige Seemeilen unter Motor bis zu unserem endgültigen Ziel vor uns hatten, ließen wir unsere beiden Mitsegler abmustern und mit Torben nach Hause fahren, während Bianca und ich um kurz vor vier wieder ausliefen.
Der Wind hatte nachgelassen, und wir brachten die letzten Meilen in der nebligen Abenddämmerung fröstelnd und reisemüde hinter uns. Die Aussicht war nun vertraut, auch wenn wir sie normalerweise nur vom Land aus kannten... die Waterfront, die Überseestadt, die Abzweigungen in den Europahafen und den Neustadthafen, und schließlich die Stephanibrücke, die die Weser in Seeschiffahrtsstraße und Binnenschiffahrtsstraße teilt.
Dahinter lag die Schlachte... und zu unserer Überraschung erwartete uns noch unverhoffte Gesellschaft auf dem Wasser, nämlich das kleine Ausbildungsmotorboot unserer ehemaligen Segelschule, auf dem wir vor mittlerweile zwei bzw. drei Jahren im Winter unsere Prüfung für den Sportbootführerschein See abgelegt hatten. Wir schauten den Schülern bei ihren Boje-über-Bord-Manövern zu und fühlten uns etwas nostalgisch... aber auch stolz darauf, daß wir inzwischen tatsächlich in unserem Heimatrevier auf eigenem Kiel unterwegs waren.
Die Wilhelm-Kaisen-Brücke und die "umgedrehte Kommode" zogen vorbei, und dann waren wir endlich am Ziel unserer Reise angekommen. Um kurz vor halb sechs machten wir im letzten schwindenden Tageslicht an dem Steg unseres neuen Segelclubs fest, wo "Thor" am nächsten Tag ins Winterlager gehen sollte. Torben machte sich ein weiteres Mal um uns verdient und holte uns am Steg mit dem Auto ab. Wir waren restlos fertig und mehr als froh, endlich eine warme Dusche und ein wohlverdientes Abendessen zu bekommen.
Das schien aber ganz schön kalt gewesen zu sein, ihr seht alle wie Teletubbies aus.
AntwortenLöschenGruß Alex